
Ein Musikvideo wirkt im fertigen Schnitt spontan, ist aber das Ergebnis klarer Planung. In über 300 Musikvideos für Artists wie Kollegah, Bushido, Alligatoah, Apache 207 und Nina Chuba hat sich ein Ablauf bewährt, der Kreativität am Set Raum gibt, ohne dass der Drehtag aus dem Ruder läuft. Dieser Artikel zeigt Schritt für Schritt, wie ein Musikvideo vom ersten Konzept bis zum Release entsteht.
1. Konzept: Was soll das Video erzählen?
Am Anfang steht der Track. Performance-Video, Konzeptclip oder Storyline mit Handlung: Die Form folgt dem Song und dem Artist. Regie entwickelt daraus ein Treatment mit Bildideen, Referenzen und Stimmung. Idealerweise bin ich als Kameramann schon hier dabei, denn viele Entscheidungen zur Bildsprache haben direkte Folgen für Budget und Drehplan: anamorpher Look oder klassisch, viel Bewegung oder ruhige Bilder, Tag oder Nacht.
2. Pre-Production: Shotlist, Locations, Drehplan
In der Pre-Production wird aus dem Konzept ein machbarer Plan. Gemeinsam mit Regie und Artist entwickle ich die Shotlist und plane die technische Umsetzung. Wir schauen uns die Locations an und legen fest, wo welches Licht gebraucht wird und welche Setups an einem Tag realistisch sind.
Shotlist
Alle Einstellungen, sortiert nach Location und Licht. Sie zeigt früh, ob das Konzept in die geplanten Drehtage passt.Locations
Besichtigung vor Ort, Strom, Tageslicht, Lautstärke für das Playback und Genehmigungen für öffentliche Flächen.Technik
Kamera, Optiken, Gimbal, Steadicam, Licht und eventuell Drohne. Mit eigener RED V-Raptor, MōVI Pro und Drohne fällt ein Teil des Verleihs weg.Drehplan
Reihenfolge der Setups, Outfit-Wechsel, Pausen und Puffer. Zwei Locations pro Tag funktionieren meist sauber, vier selten.Wie sich diese Entscheidungen auf das Budget auswirken, erkläre ich ausführlich im Artikel Was kostet ein Musikvideo?.
3. Drehtag: Playback, Performance, Bewegung
Ein Musikvideo-Set ist dynamisch. Der Song läuft als Playback, der Artist performt ihn wieder und wieder, und jede Wiederholung bekommt eine andere Kameraposition oder Bewegung. Daraus entsteht im Schnitt die Auswahl, die den Track trägt. Gedreht wird oft mit höherer Bildrate für Zeitlupen, die später perfekt auf den Beat fallen.
Gimbal- und Steadicam-Operating mache ich dabei selbst, weil Bewegung und Bildsprache bei Musikvideos zusammengehören. Eine Kamerafahrt, die genau auf den Drop trifft, entsteht nicht durch Zufall, sondern durch Rhythmusgefühl am Set. Ein typisches Musikvideo ist in ein bis zwei Drehtagen im Kasten. Bei mehreren Locations, Outfits oder narrativen Szenen wird der Drehplan entsprechend länger.

4. Postproduktion: Schnitt auf den Beat
Nach dem Dreh beginnt der Schnitt. Die Performance-Takes werden synchron zum Song angelegt, dann entsteht die Montage: Schnitte auf den Beat, Wechsel zwischen Performance und Story, Tempo, das der Energie des Tracks folgt. Danach kommen Color Grading für den finalen Look und, je nach Konzept, VFX oder Compositing. Die Freigabe läuft über Artist, Management oder Label.
5. Release: Ein Dreh, viele Formate
Ein Musikvideo endet heute nicht mit der YouTube-Premiere. Aus demselben Material entstehen:
- Das Hauptvideo in 16:9 für YouTube
- Vertikale Cutdowns mit starkem Hook für Reels und TikTok
- Spotify Canvas und kurze Loops für die Streaming-Player
- Tour-Visuals für LED-Wände und Bühnen-Screens
- Behind the Scenes und Pressematerial für Label und Promo
Wer diese Formate schon in der Pre-Production mitdenkt, plant beim Dreh die passenden Einstellungen ein, statt sie später aus dem 16:9-Bild herauszuschneiden.
Direkt buchen oder über eine Produktion?
Beide Wege funktionieren. Wenn Konzept, Location und Logistik beim Artist-Team oder Label liegen, reicht oft die direkte Buchung des Kameramanns. Wenn Konzept, Regie und Postproduktion aus einer Hand kommen sollen, übernimmt eine Produktionsfirma wie Creave die komplette Umsetzung. Bei größeren Produktionen werde ich außerdem als reiner Gimbal- oder Steadicam-Operator gebucht.
Einen Eindruck von der Bildsprache bekommst du im Musikvideo-Portfolio. Wenn du ein Musikvideo planst, schreib mir kurz zu Track, Idee und Zeitraum über das Kontaktformular.
Häufige Fragen
Wie viele Drehtage braucht ein Musikvideo?
Ein typisches Musikvideo wird in ein bis zwei Drehtagen umgesetzt. Aufwendigere Projekte mit mehreren Locations oder narrativen Elementen brauchen mehr Zeit.
Wann sollte der Kameramann ins Projekt einsteigen?
Am besten schon in der Konzeptphase. Dann lassen sich Bildsprache, Shotlist und Technik gemeinsam mit Regie und Artist planen, bevor Locations und Drehtage feststehen.
Kann ich dich auch nur als Gimbal- oder Steadicam-Operator buchen?
Ja. Bei größeren Produktionen werde ich oft als Gimbal- oder Steadicam-Operator gebucht, während ein anderer DoP die Gesamtverantwortung trägt.
Arbeitest du auch mit unbekannteren Artists?
Ja. Neben großen Namen arbeite ich genauso gern mit aufstrebenden Artists. Entscheidend sind Konzept und kreative Vision.